"Kommst du dir nicht kindisch vor? (BWAAHAAHAA)"
-Billy the Kid
Die Mülltonne rollte neugierig vorwärts. Ihre Optik hatte eine Bewegung in großer Nähe registriert, möglicherweise sogar einen Menschen. Genüßlich lud sie ihre Frontkanonen. Dies könnte eine Beförderung wert sein, ganz zu schweigen von dem unglaublichen Spaß, den das Vernichten wehrloser Werwesen beehrte.
Der Werwolf duckte sich auf den Boden. Mülltonnen mit Antennen und Rädern gehörten eindeutig nicht zu seinen bisherigen Erfahrungen. Rasch stellte er seine möglichen Handlungen zusammen: weglaufen, angreifen, abwarten oder die Wespen freilassen. Er entschied sich für Möglichkeit Nummer fünf.
Die Mülltonne näherte sich weiterhin, es bestand keine Fluchtgelegenheit. Nun, bleiben noch Möglichkeiten zwei bis acht, dachte der Wolf. Er beobachtete das seltsame Objekt. Mülltonnen enthalten Müll, und Müll ist eßbar. Also wählte er die 28,2558te Variante der Option mit der Nummer zwei: Er versuchte, im Sprung den Deckel der Tonne zu öffnen, ihren Inhalt in einen Plastikbeuteel zu stopfen und nach der Landung zu verschwinden. Leider scheiterte der sorgsam ausgeklügelte Plan an einer Schnellfeuerwaffe und der Tatsache, das MGMültonnen hierzulande völlig unbekannt sind.
Ein weiteres Opfer, speicherte die Mülltonne in ihrem Bordcomputer. Ich bin zufrieden.
In diesem Moment schaltete WW den Fernseher ab. 28,2558 Programme, und alle langweilig. Langsam begann er, die vier Idioten zu vermissen, obwohl sie ihm meistens nur Ärger bereitet hatten. Traurig schloß er die Tür seines Zimmers ab und machte sich auf den Weg zur Hotelbar.
28,2558 Gläser später:
"Ich sein deprimiert."
"Ich bin deprimiert!"
<Glugg>
<Glugg!>
"Ich sein deprimiert."
"Ich bin deprimiert!"
<Glugg>
<Glugg!>
"Ich sein deprimiert."
"Ich bin deprimiert!"
<Glugg>
<Glugg!>
"Ich sein deprimiert."
"Ich bin deprimiert!"
WW blickte seinen Nachbarn an. Was für ein Angeber, jedes normale Wesen hätte sich mit einem Punkt am Satzende begnügt, aber dieser Typ wollte anscheinend Streit.
"Ich bin deprimiert!"
"Ich sein deprimiert!!"
<Glugg>
<Glugg!>
"Ich bin deprimierter!"
"Quatsch."
<Glugg>
<Glugg!>
"Ich sein deprimiertesten."
"Quatsch!"
<Glugg>
<Glugg!>
In eben jenem Moment entschloß sich der Wirt, in die Unterhaltung einzugreifen. Die Batterien seines Walkmans waren leer, er hatte keine Lust, zusätzlich zu seiner Frau und seinen Kindern zwei verrückte Alkoholiker zu ertragen.
"Verdammt nochmal, sagt einfach, weshalb ihr so deprimiert seid!"
"Ich keinen Job mehr habe."
"Und mir wurden alle meine Primzahlen gestohlen."
Der Wirt setze den Scherzbold vor die Tür. "Das ist eine anständige miese Kaschemme!", schrie er, bevor er die bereits erwähnte Tür schloß. "Solche Kalauer können wir hier nicht gebrauchen!"
"Ich sein deprimiert."
<Glugg>
"Schau mal, ist dein Glas halb voll oder halb leer?"
"Ganz leer."
Der Wirt schenkte nach.
"Und nun?"
"Halb voll, aber ich trotzdem deprimiert."
Selbst ein so erfahrener Seelsorger wie dieser Barkeeper konnte WW nicht aufheitern, und so wandte er sich wieder den anderen Gästen zu.
In einer Ecke brachte gerade ein Weltraumschmuggler einen Kopfgeldjäger um. Alle schauten zufällig weg. (Man prügelt sich nicht mit Schußwaffenbesitzern, außer man ist selbst einer.)
Der Wilderer hörte nebenbei den Gesprächen an den Nebentischen zu.
"Wohin man nur schaut, überall Außerirdische und Science- Fiction- Gesindel. Nehmen uns Orks die Arbeitsplätze weg, ha. Die müßte man alle ausweisen, genau!"
<Glugg>
"Und wie geht's deinen Frauen?"
<Glugg>
"Gut. Allen 28,2558."
<Glugg>
"Was für eine mickrige Kneipe. Da wo ich herkomme, da sind die Theken viel länger, wie alles andere auch."
"Auch die Bärte von euren Witzen?"
<Glugg>
Plötzlich brach eine Schlägerei aus. Tische, Stühle, Flaschen und Gäste flogen wild durch die Gegend. Kurz darauf kehrte wieder Ruhe ein, so dass Wü Wi 20 in einen tiefen Schlaf fallen konnte.
Die Bierflasche stieß den Wilderer in die Seite.
"Aufwachen! Los, du Penner! Solche wie dich können wir hier nicht gebrauchen!"
Erstaunt rappelte sich WW XX auf.
"Weg, weg! Ksch! Verzieh dich!"
"Ich gehabt schon schönere Träume. Zum Beispiel den mit den 28,2558 Tänzerinnen, die..."
"Mach, dass du wegkommst! Fort! Als ob man hier träumen könnte!"
"Du sofort verschwinden, oder ich dich zerschlagen in viele kleine Scherben. Oder ich dich trinken aus."
"Widerstand gegen die Staatsgewalt! Das wirst du bereuen! Wachen! Wachen!"
28,2558 widerliche Whiskywachen wirrten um den Wilderer, der wirklich wütend wurde, herum. Sie verhafteten ihn und sperrten ihn in das tiefste Verließ dieser Stadt, natürlich enteigneten sie ihn vorher komplett.
WüWi 20 ließ seine Blicke durch die Zwei-Liegen-Küche-Bad-Zelle schweifen. Ein Schild an der Wand verkündete folgendes:
Tiefstes Verließ
dieser Stadt.
(28,2558 Meter unter NN)
Wir wünschen Ihnen
einen schönen Aufenthalt!
Nachdem er die Blicke wieder eingefangen und verstaut hatte, stürzte er sich an das Stahltor, das ungerechterweise den Ausgang versperrte.
"Aufmachen!", rief er.
Ein kleines Fenster öffnete sich. Der Wilderer konnte eine große Likörflasche erkennen.
"Was ist, Abschaum?", fragte der Alkoholbehälter.
"Ich wollen Zimmer mit Meerblick!"
"Das kostet extra, Abschaum."
"Ich haben kein Geld!"
"Dafür wirst du bezahlen, Abschaum!"
"Ich haben wirklich kein Geld!"
"Diese Beleidigung wird dich auf ewig in den Knast bringen, Abschaum!"
"Ich kein Abschaum, du Flasche!"
Wortlos knallte die Flasche das kleine Fenster wieder zu.
"Man sollte sie nicht verärgern, Junge."
WW drehte sich um. Auf der oberen der beiden liegen saß ein Löffel mit übereinandergeschlagenen Beinen.
"Wenn man sie ärgert werden sie erst richtig böse, Junge."
Der seltsame Löffel kam mit dem wütenden Wilderer (der sich aber beherrschte) ins Gespräch und erzählte die Geschichte dieser Örtlichkeit:
"Du befindest dich hier in einer Stadt namens Stadt."
"Stadt sein einfallsreicher Name." unterbrach WüWi 20.
"Unterbrech' mich nicht! Eigentlich heißt sie ja nicht Stadt, früher hieß sie 'Ansammlung- von- Gebäuden- die- alle- dem- König- gehören'. Aber dazu später mehr... In Stadt wohnten bis vor kurzem Flaschen, Krüge, Bestecke und Gläser friedlich beisammen, regiert von einem gerechten und weisen Herrscher, den das ganze Volk liebte und achtete, da er mit großem Wissen und Talent die Geschicke dieser Stadt leitete - kurz, alle waren unter meiner Herrschaft glücklich. Doch als ich eine dritte Alkoholsteuer einführen wollte, rebellierten die undankbaren Flaschen, die sich schon immer als unterprivilegiert betrachtet hatten. Sie änderten den Namen der Stadt in 'Stadt' um, enteigneten mich und sperrten mich in diesen Kerker. Seit 28,2558 Monaten darbe ich schon in diesem schrecklichen Verließ, niemand erinnert sich an meine guten Taten. Ich war doch stets ein milder und gerechter König, ich hab' dem Volk regelmäßig Verbrecher hinrichten lassen, die Enthauptungen waren sogar (außer für Zuschauer) kostenlos. Der Anführer der Rebellen will nun sogar Wahlen einführen, und dass, wo die Bürger so wenig Ahnung von Politik haben. Alle meine Untergebenen haben sich von mir abgewandt, niemand ist dankbar für meine guten Taten, deren ich so reichliche vollbracht habe! Niemand hilft dem Ex-König! Niemand rebelliert gegen die rebellischen Rebellen und deren Rebellion! Oh, ich armer König! Nie wieder werde ich an Folterungen teilnehmen können, außer an meiner eigenen! Weh mir! Weh mir! Klage! Klage! Oh ihr Götter, was habe ich euch getan? Hätte ich vielleicht noch mehr Märtyrer schaffen sollen? Hätte ich vielleicht mehr Hexen verbrennen sollen? Hätte..."
"Du mich an einen Bekannten erinnern. Mahhgg sein Name. Wie ich dir helfen können? Dein Gejammer lästig sein."
"Mit deiner Hilfe können wir durch einen Geheimgang entkommen. Dann werde ich meine alten Getreuen versammeln und mit dir als General Stadt zurückerobern."
"Das klingen gut."
"Das ist auch gut!".
Der Löffelkönig drückte auf einen Stein in der Wand. Krachend klappte ein Felsblock in der Decke zur Seite, gerade außerhalb von WWs Reichweite.
"Alles was du tun mußt, ist ruhig da zu stehen. Ich klettere auf deine Schultern und fliehe durch den Gang. Dann überwältige die Wachen und öffne die Zellentür. Einverstanden?"
"Das in Ordnung, glauben ich."
Der König sprang auf die Schultern des Wilderers und zog sich in die Höhe. Er schloß die Deckenluke hinter sich und war nicht mehr zu sehen.
Wü Wi XX wartete.
Er wartete lange.
Er wartete sehr lange.
Er wartete furchtbar lange.
Er wartete länger als fünf Minuten.
Er wartete länger als zehn Minuten.
Er wartete bedeutend länger als 28,2558 Minuten.
Er wartete wirklich sehr, sehr lange.
Er wartete mehr als einen Monat lang auf den Löffelkönig.
"Wahrscheinlich er sich hat verlaufen."