1. revolutioniertes Kapitel

Revolutionäres Vorspiel

Der Photonenwecker riß General Globnik unsanft aus dem Schlaf.
Es war Zeit aufzustehen.
"Es lebe die Revolution!",schrie er, und bestellte sich ein Standardrevolutionärsfrühstück, denn mehr gestattete ihm sein niedriger Rang nicht.
Zwar war er General, doch wenn man bedenkt, dass dies den zweitniedrigsten Rang auf der Karriereleiter der Revolution verkörperte, den einzigen über Kühlschrankverkäufer, dann verlor der Titel doch etwas an Bedeutung. Sollte er jemals zum Wapitijäger oder gar Waffelschleuderer ernannt werden, könnte er sogar zwischen zwei respektive drei Frühstücksmöglichkeiten wählen.
Glücklich alle Wapitijäger und Waffelschleuderer!
Er schob diese Gedanken beseite und sich einen Löffel voll Revoluzzercrunchies, den einzigen für Generäle zugelassenen Frühstücksflocken, in den Mund. Als er sie zerbiß schrien die Flocken leise "Es lebe die Revolution!", doch die Schreie waren durch das Fleisch seiner Backen kaum hörbar. Diese neue Art der prorevolutionären Propaganda überraschte ihn doch ein wenig, und er fragte sich, ob sie auch nach der Verdauung noch schreien könnten. Er schob auch diese Gedanken beiseite, brüllte "Es lebe die Revolution!" und legte seine Revolutionärsuniform an, auf der in 2558 verschiedenen Sprachen der Galaxis "Es lebe die Revolution!" geschrieben stand. Dann machte er sich auf den Weg zum Ministerium für Revolution und revolutionäre Gurkenverarbeitung (MifRurGuve), seinem Arbeitsplatz.

Die Revolutionsbahn war, wie immer am späten Morgen, kurz vor dem frühen Vormittag, überfüllt, doch General Globnik annektierte den Sitzplatz eines Kühlschrankverkäufers; als Entschädigung wies er ihm seinen Stehplatz zu. Leider hatte er nicht viel Zeit, sich an diesem Platz zu erfreuen, denn ein Frühlingsroller machte seinen höheren Rang geltend und vertrieb Globnik vom Sitzplatz, und nur durch das Hinauswerfen des Kühlschrankverkäufers aus der fahrenden Revolutionärsbahn verschaffte ihm etwas Genugtuung und einen Stehplatz, den er immer noch gegenüber einem Platz im Gepäckbereich vorzog.
"Das war eine sehr revolutionäre Methode, um an einen neuen Platz zu kommen.", lobte ihn ein Sahnebonbonschmierer, der das ganze Geschehen beobachtet hatte. "Dies ist der revolutionäre Geist, der in allen leben sollte. Es lebe die Revolution!"
"Es lebe die Revolution!", antwortete Globnik, pflichtbewußt.
Der Rest der Fahrt verlief verhältnismäßig ereignislos, schließlich verließ der General die Bahn und betrat das MifRurGuve, wo ihn bereits eine freudige Überraschung erwartete:
Den Sahnebonbonschmierer hatte die Entsorgung des Kühlschrankverkäufers so beeindruckt, dass er Globniks Versetzung in ein für die Revolution nützlicheres Ministerium, das Ministerium zur Aburteilung von fiesen Verbrechern (MizAvfV), angeordnet hatte. Dort sollte er von nun an den Richtern bei der Aburteilung fieser Verbrecher assistieren, eine bedeutsame und ehrenreiche Aufgabe im Dienste der schon lange erfolgten Revolution.
Doch wegen des bürokratischen Verwirrweges, einer Errungenschaft der Revolution, verscholl er in den Datenbanken des revoultionären Zentralcomputers, was ihm eine lange Zeit unbezahlten Urlaubs, die Löschung all seiner persönlichen Daten und die Sperrung seiner elektronischen Geldersatzkarte und des Revolutionsbahnkontos einbrachte. Das bemerkte er aber leider erst, als es schon fast zu spät war:
Globnik befand sich auf dem Weg zur allbekannten Revolutionsbahn, als ihn ein Revolutionskrieger ansprach.
"Es lebe die Revolution! Wie lautet Ihr Name, General?"
"Moment, da muß ich erst in meiner revolutionären portablen Datenbank nachschlagen.... Komisch. Ich heiße anscheinend 'Befehl oder Dateiname nicht gefunden'. Gestern hieß ich aber noch anders."
Der Krieger schwieg, anscheinend überprüfte er Globniks Angaben über seine implantierte Speicherbank. Anschließend richtete er seine Waffe auf den nichts ahnenden.
"Okay, Konterrevolutionär! Kein Bewegung!"
"Moment mal, das muß ein Mißverständnis sein! Ich bin kein Konterrevolutionär, ich liebe die Revolution."
"Kein Konterrevolutionär?"
"Nein."
"Wirklich nicht?"
"Versprochen."
"Das kann nur eines bedeuten... ALARM! HIER IST EINER DIESER VERDAMMTEN VEGETARISCHEN HAMSTERESSER! VERSTÄRKUNG, HIERHER!"
Globnik hatte schon bei 'Hamsteresser' die Flucht ergriffen, obwohl er vielleicht ein klein wenig dumm war, Selbstmörder war er nicht.
Haarscharf verfehlte ihn eine Salve Energiegarben, die schwelende Löcher in den Beton des Gehwegs rissen. Passanten rannten schreiend in alle Richtungen davon, dabei wurden einige von vorbeikommenden Fahrzeugen erfaßt und gegen diverse Wände und auch den Häscher der Revolution geschleudert, diese Verwirrung nutzte der Ex-General, um in den Kanälen zu verschwinden.

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Globnik hetzte die röhrengeschmückten Gänge der Kanalisation entlang, das Blut pochte in seinen Schläfen. Die für einen Büroarbeiter absolut ungweohnte Anstrengung forderte ihren Tribut, und bevor sie ihn durch einen Herzinfarkt pfändete, hielt Globnik lieber an und rastete an eine der Röhren gelehnt. Der Gedanke, die Revolutionäre könnten bereits ihre Schellgummiboote auf die Suche geschickt haben, trug nicht gerade zur Beruhigung seines Kreislaufes bei.
"Wer da?!", ertönt ein Schrei hinter Globnik, der erschrocken zusammenfuhr.
"Hätten Sie vielleicht eine Münze?"
"Wozu das?!"
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur erschrecken oder gar tot in das Abwasser fallen soll."
Der Ritter der Heiligen Nagelfeile reichte dem Unentschlossenen ein Geldstück und blickte ihn fragend an.
Globnik entgegnete den Blick und betrachtete gleichzeitig die Münze, wobei er, auf einem Bein stehend, auf und ab hüpfte, sich um die eigene Achse drehte und seine Wasserpfeife mit affenfähigem Plutonium füllte.
"Mißgestalteter Kopf: Ich springe. Seltsames Objekt mit vielen kleinen Windungen:", doch der Ritter der Heiligen Nagelfeile unterbrach ihn.
"Das ist ein Vielfachflaschenhalskorkenzieher."
"Aha. Also, Vielfachflaschenhalskorkenzieher: Ich springe nicht. Kante: Ich werde Hamsteresser, also Vegetarier."
Er schnippte die Münze in die Luft, gespannt beobachteten die beiden ihren Flug.
"Und nun?"
"Sie könnten runtertauchen und nachsehen. Aber bestimmt wurde sie schon von den Piranhas gefressen. Sie schulden mir einen Glabunz."
"Globnik. Ex-General und Flüchtling Globnik."
"Bitte?"
"Sie fragten 'Wer da?'. Und ich habe soeben geantwortet."
"Sie sind mir ein zu anspruchsvoller Gesprächspartner. Sind Sie für die Revolution?"
"Bis vor kurzem war ich es noch, doch da die Revolution gegen mich ist, muß ich wohl gegen sie stellen, denn mein Überlebensdrang ist stärker als meine Loyalität zur Revolution. Ein Zug aus meiner affenfähigen Plutoniumwasserpfeife gefällig?"
"Oh, einen Eilzug bitte, ich habe nicht viel Zeit."
Der Ritter genoß den Eilzug sichtlich, und so kam er mit Globnik ins Gespräch.
Der Ritter der Heiligen Nagelfeile war einer der vielen Konterrevolutionäre, die sich in den Kanälen vor der revolutionären Obrigkeit versteckt hielten, sich auf den allesentscheidenden politischen Umschwung vorbereiteten und DER Zahl huldigten. Außerdem lernten sie noch Esperanto, warum allerdings war keinem von ihnen klar. Globnik beschloß, sich dieser Gruppe anzuschließen, und füllte gleich das entsprechende Formular aus.
Dann ließ er sich von seinem neuen Bekannten zum Hauptquartier der Organisation leiten. Der Weg führte durch viele geheime, verborgene und gefährliche Passagen, Gänge und Rohrleitungen, bis sie endlich (circa 19 Stunden nach ihrem Aufbruch) zu einem Hamsternest gelangten.

"Das ist Ihr Hauptquartier?"
"Nun, heute Morgen sah es noch anders aus. Ich glaube, es lag auch irgendwo anders. Vielleicht habe ich mich auch ein bißchen im Weg geirrt."
"Sieht mir eher wie eine Hamsterbrutstube aus als wie ein geheimes Hautquartier."
"Nun gut, ich habe mich ein klein wenig geirrt. Wir sollten lieber schnell verschwinden, bevor..."
"Der große, böse Brutkammerhamster kommt?"
"Richtig, wie haben Sie das erraten?"
"Ganz einfach, ich bin der große, böse Brutkammerhamster."
"Globnik?"
"Ja?" "Verstellen Sie sich gerade als mißmutiger Mutantenhamster?"
"Nein, Sie etwa?"
"He, ihr zwei, ich verstelle mich auch nicht, ich bin wirklich ein großer böser und auch noch mißmutiger Mutantenhamster."
"Globnik?"
"Ja?"
"Wir haben ein Problem."
"Jetzt habt ihr zwei, ich bin nämlich gerade eben schizophren geworden."
"Globnik, ich habe einen schrecklichen Verdacht. Das da hinter uns, das wir bisher noch nicht bewußt als ein etwas hinter uns wahrgenommen haben, weil unser Unterbewußsein uns am Umdrehen gehindert hat, ist nicht einfach nur ein schizophrener Killerhamster, sondern etwas viel schrecklicheres."
"Ein wallendes Wallaby?"
"Schlimmer. Ein witzemachender Hamster."
"Oh. Hamster haben einen noch unerträglicheren Humor als Drachen, heißt es jedenfalls."
"Richtig! Wir haben ihn nämlich den Drachen geliehen!"
"Wir sollten fliehen, bevor er mit den richtigen Witzen anfängt."
"Wohin?"
"In den Makrokosmos, das ist unsere einzige Chance."
"Verzeihen Sie, meine Herren", warf der Mechaniker ein, "ich bin zwar gerade erst hier erschienen und werde in wenigen Augenblicken in der Unendlichkeit verwehen, aber der Makrokosmos wurde meines Wissens nach vor wenigen Stunden zur Renovierung geschlossen. Tut mir leid.", und er verwehte in der Unendlichkeit.
"Keine Angst, ich bin gar kein Komiker. Ich bin einfach nur ein geisteskranker und psychopathischer Kampfhamster."
Der Ritter und Globnik atmeten erleichter auf.
"Globnik, ich war noch nie so erleichtert, einem tödlichen Mordham zu begegnen."
"Freut mich, dass es euch freut, in eine dunkle Folterkammer geworfen zu werden.", meinte der Hamster und warf die beiden in eine dunkle Folterkammer.
Dort schmachtete bereits Casanova, der in diesem seinem zweiten Leben an einer interdimensionalen Tour durch alle Verließe aller Welten teilnahm, einer sehr interessanten Reise übrigens.
"Willkommen, unbekannte Gefangene, willkommen. Laßt uns schnell Bekanntschaft schließen, denn in fünf Minuten werde ich in ein anderes Gefägnis überwechseln. Casanova ist mein Name."
"Casanova?"
"Genau."
"Der Casanova?"
"Jawoll!"
"Wirklich? Der berühmte Videorecorderprogrammierer?"
"Nein, natürlich nicht. Der berühmte Verführer und Okkultist!"
"Schade, wieder um eine Enttäuschung reicher."
"Freude mögen Sie vielleicht verloren haben, doch für nur einen einzigen Glabunz können sie eines dieser wunderbaren Lose erstehen."
"Einen Glanbunz? Globnik, wissen Sie, woran mich das erinnert?"
"Ich? Oh nein, gewiß nicht, Herr Ritter, wieso sollte ich? Ach, apropos Glabunz, könnten Sie mir vielleicht einen leihen?"
"Mir ist, als würde ich diesen Satz bereits kennen. Wie dem auch sei, hier haben Sie zwei Glabunze, bringen Sie mir ein Los mit."
"Herr Casanova, ich kaufe zwei Lose. Ritter, wollen Sie das Gewinnerlos oder die Niete?"
"Eine schwere Entscheidung, beraten Sie mich."
"An Ihrer Stelle überließe ich das Gewinnerlos dem Anderen."
"Oh ja, das klingt edel. Ich nehme die Niete."
"Sehr großmütig, Herr Ritter, äußerst großmütig."
"Danke. Oh, schade, nichts gewonnen."
"Herr Casanova, ich habe einen Glabunz gewonnen!"
"Bitte sehr."
"Einen Glabunz, Globnik? Dann könnten Sie doch Ihre Schuld bei mir begleichen!"
"Eine Schuld? Sie liehen mir einen Glabunz."
"Genau."
"Aber ich gab Ihnen ein Los, und jene sind einen Glabunz wert."
"Oh, ich ahne etwas."
"Das hebt sich doch gegenseitig auf, oder irre ich mich, Herr Ritter?"
"Das stimmt schon, er hat recht.", unterstützte Casanova Globnik
"Nun gut, wenn Sie es beide sagen, dann muß es wohl wahr sein."
Casanova beugte sich zu Globnik hinüber und nutzte so die maximale Beweglichkeit seiner Ketten aus.
"Den halben Glabunz, wenn ich bitten dürfte.", flüsterte er.
"Aber natürlich, Herr Casanova."
Doch jener verschwand zum nächsten Verließ, denn die fünf Minuten endeten soeben.
"Globnik, hat das Hamsterimperium ein Auslieferungsabkommen mit der Rebellion?"
"Nein, aber wir verdienen uns gerne ein kleines Taschengeld durch Kopfgeld dazu."
"Globnik, warum schleichen sich diese Fellviecher immer von hinten an und antworten auf Fragen, die sie überhaupt nichts angehen?"
"Weil wir die höchstentwickelte Lebensform sind, nach den intelligenten Cola-Dosen, natürlich. Dadurch legitimieren wir all unsere Handlungen, auch, oder gerade, wenn sie euren Vorstellungshorizont weit überschreiten."
"Sind Sie bestechlich, Herr Hamster?"
"Nicht mit spitzen Gegenständen, ich trage eine sehr harte Rüstung."
"Ich hätte hier zum Beispiel zwei Gablunze... Lassen Sie uns gehen und behalten Sie das Geld."
"Sie wollen mir zwei Gablunze als Ausgleich für die Schwierigkeiten, die ich bekommen werde, sollte ich Sie beide freilassen?"
"Das ist eine ganze Menge Geld. Viel Geld."
"Ich weiß. Aber ich bekäme auch eine ganze Menge Ärger. Nun, ich bin zivilisiert und schlage einen Kompromiß vor..."
"Eine gute Idee, Herr Hamster."
"Ich nehme das Geld und lasse Euch nicht laufen. Ich bekomme keine Probleme und werde trotzdem wohlhabend. Alles zu meiner gänzlichen Zufriedenheit."
"Aber nicht zu unserer!"
"Was kümmert das mich?" "Ich glaube, es ist Zeit für eine kleine Bekanntmachung...", so ließ der Ritter der Heiligen Nagelfeile vernehmen, und sehet, er zerbrach die imaginären Ketten und zog, begleitet von himmlischer Sphärenmusik, einen Dübel aus seiner Tasche.
"Beeindruckend.", sprach der Hamster, doch sein Gesicht strafte ihn Lügen.
"Natürlich war das nicht alles. Dübelgott, laß deine Macht erstrahlen!"
Der Priester des mächtigen Dübelgottes deutete mit dem Ritualdübel auf den fiesen Hamster.
Nichts passierte. "Und nun, Herr Dübelpriester? Soll ich mich etwa totlachen? Leider finden wir Hamster nur unsere eigenen Späßchen witzig, und das da eben wäre selbst für den dümmsten Menschen nicht sonderlich amüsant."
"Elender Hamster! Bringe dem mächtigen Dübelgott mehr Respekt entgegen!", schimpfte Globnik, dem es sehr leicht fiel, neue Chancen zu nutzen. Er hätte einen guten Opportunisten abgegeben, wenn er sich nicht nahezu immer der unterlegenen Gruppierung angeschlossen hätte. Er mußte halt noch etwas üben.
"Genau!", fügte der Dübelpriester hinzu, denn mehr hatte er nicht zu sagen.
Der Hamster zeigte sich sichtlich beeindruckt, er lächelte sogar ein bißchen. Ein sehr kleines bißchen. Fast überhaupt nicht.
"Religion ist doch eine spaßige Sache."
Dann wurde er vom Mount Everest erschlagen.
Glaube kann Berge versetzten.


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Dominik D. Freydenbergers "Die Hundert Hühner Hammurabis"